Was können Agile Coaches?


Stefan Knecht , Mi, 01.05.2019 - 12:43

Das war das click bait. Dieser Beitrag handelt von etwas anderem, doch wollte ich Sie nicht verschrecken. Der ursprüngliche Titel ist 'Was zeichnet hoch effektive (Gruppen-)Therapeuten aus?'

Dabei fiel mir auf, dass Sie das niemals lesen würden — weil Therapie klingt nach 'krank' und das will niemand sein, darüber lesen auch nicht.

Ich komme darauf, weil ich gerade ein Lehrbuch angefangen habe zu lesen, eines über Familientherapien. Aus professionellem Interesse — weil ich vermute, dass die Methoden der Familientherapie vielleicht hilfreich sein können bei agilen Transformationen — was ein etwas hochtrabender Begriff ist für 'einen Laden umkrempeln' oder: einem Unternehmen helfen, morgen anders zu arbeiten als gestern. Familientherapien betreffen mich selbst natürlich überhaupt gar nicht und Sie ebenso wenig — weil ja alles immer in feinster Ordnung ist. Gell?

Auf den ersten paar Dutzend Seiten dieses Buches kommt es zu einem Abschnitt, in dem die Persönlichkeitscharakteristika und Fähigkeiten der '10 besten' Psychotherapeuten beschrieben sind. Skovholt und Jennings (2004) machten dazu eine Studie, die wissenschaftlichen Anforderungen genügt und damit als Stand des Wissens 2004 gelten darf. Heute und 15 Jahre später sollte sich wenig daran geändert haben (Hypothese). Wir Menschen ändern uns ja in eher glazialen Geschwindigkeiten, unser Betriebssystem ist ja schon mindestens 40.000 Jahre eingebrannt (Tatsache).

Was die besten Therapeuten also auszeichnet, sind diesen Dimensionen:

  • Der unbedingte Wille zur Meisterschaft — wissend, sie nie erreichen zu können.
  • Die Fähigkeit tief in die Welten Anderer einzutauchen ohne sich selbst zu verlieren
  • Die Fähigkeit, eine sichere emotionale Situation herzustellen und Klienten dennoch zu fordern. → Psychological Safety!
  • Die eigenen therapeutischen Kräfte zu nutzen und dennoch bescheiden zu bleiben.
  • Die Integration der eigenen und professionellen Persönlichkeit und dabei klare Grenzen zu bewahren.
  • Die Fähigkeit, aus dem eigenen Selbst zu geben und gleichzeitig für sich selbst zu sorgen.
  • Die Fähigkeit, selbst Feedback zu nehmen ohne destabilisiert zu werden.

Weitere, Ein-Wort-Beschreibungen waren:

lebendig, kongruent, hingegeben, zielgerichtet, intensiv, offen, neugierig, tolerant, vital, reflektiv, sich selbst erkennend, grosszügig, erwachsen, optimistisch, analytisch, lustig, scharfsichtig (...) (pp 133–134)

Wenn Sie bis hier her durchgehalten haben, dann kommt jetzt der intellektuelle Knaller. Bleiben Sie stark ... und dran.

Unterscheiden sich Therapeuten von 'leitenden Agilisten'?

Per se 'sind wir alle gleich', wir alle Agilisten in welchen Rollen auch immer: im Entwicklungsteam, als Scrum Master/Mistress, Produktverantwortlicher oder Trainer oder Coach. Eine Hierarchie soll es nicht geben, es arbeiten alle auf Augenhöhe. So will es das Selbstverständnis, das Agile Manifest und überhaupt das Mantra der Selbst-Organisation.

(Notiz an mich selbst: unbedingt nochmal herausarbeiten, wo genau der Unterschied sein soll zwischen Trainer und Coach ... beim Fussball jedenfalls scheint mir da keiner zu sein. Egal, ein andermal. Bin ja froh, dass Sie überhaupt noch dabei sind und nicht bei 'Therapie' schon schnell weitergesurft sind.)

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja - alle Menschen sind gleich und brüderlich im Agilismus vereint. Keiner oben, niemand unten, alle miteinander und auf Augenhöhe.

Doch nicht.

Realistisch lässt die immanente Dynamik in allen sich formierenden Gruppen eine soziale Rangfolge entstehen: wer 'mehr zu sagen' hat als andere, wer im dayjob den höheren Rang mehr Macht und Einfluss hat ... steht sozial an einer anderen Position als 'die externe Softwareentwicklerin im Team'. Diese immanenten sozialen Hierarchien erfassen wir in Windeseile und unterbewusst, nehmen Verschiebungen ohne kognitive Beteiligung umgehend wahr. Da können wir nicht aus, das ist tief in unserem humanen EPROM hart verdrahtet. Siehe oben, OS H aka menschliches Betriebssystem. Dazu gibt es mindestens einen Beleg aus fMRI-Studien. Wir sind in der Lage ein kohärentes Verstehen einer Hierarchie aus den Interaktionen zwischen Personen schliessen und ergänzen unbewusst und richtig die fehlenden Informationen. (Kumaran 2016) Wie wir das machen? Mit Bayesscher Inferenz, probabilistisch. Auch interessant doch 'zu akademisch', wie Kollege Krishan Mathis angenehm selten bemerkt ... führt uns jetzt aber zu weit weg vom click bait.

Der Vergleich scheint mit allen Parallelen damit tragfähig: als Agilisten können wir aus den Erfahrungen und Methoden der Gruppentherapie vieles lernen. Vielleicht nicht alles 1:1 übernehmen ... doch die Methoden sind schon alle da und seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auch ordentlich lang und breit beschrieben.

Was geht in beginnenden Agile Coaches vor ...?

Ungefähr das, was uns allen irgendwann geschieht. Da kommt einer und sagt 'der hat's ja nicht drauf'. Siehe: des Kaisers neue Kleider.
Also ungefähr das, was auch einem Therapeuten oder Trainer/Coach begegnet:

  • Tuckman_formin-storming-norming-performingAuftragsklärung: was erwartet das Team, PO und stakeholder von mir? (Ausser, dass ich über Wasser gehen und es zu Wein machen kann).
  • Wollen und werden sie mir zuhören und sich leiten lassen, auf meine Hinweise eingehen?
  • Geht mir der Stoff aus vor Ende des Tages?
  • Wir meine Unerfahrenheit als Inkompetenz stigmatisiert ... und bin ich raus?
  • Soll ich aktiv werden oder warten, bis das Team mich auffordert?
  • Soll ich die Agenda setzen oder abwarten, bis die Gruppe sich eine erarbeitet?
  • Welche Methoden und Praktiken soll ich in der forming-Phase einsetzen? Und was, wenn das Team nicht mitspielt?
  • Was mache ich mit offener oder versteckter Opposition ...?

Rogers (1962): Diffusion of Innovations - Diffusion is the process by which an innovation is communicated over time among the participants in a social system. The bell curve shows typical sociotypes.Für den angehenden Agile Coach ist 'möglicherweise nicht zu genügen' beängstigend. Man müsste schon sehr abgebrüht und wenig emphatisch sein, berührte einen das nicht.

Glaubenssätze, innere Monologe und Biases, die fiesen

Es kann helfen, aufmerksam auf die eigenen inneren Monologe und negative Ideen zu achten. Das hat viel zu tun mit Glaubenssätzen und Biases, diesen lästigen kognitiven Denkfallen. Sanfte Befürchtungen und Lampenfieber sind durchaus förderlich, als positiver Eustress aktivieren sie persönliche Potenziale. Schwierig wird es, wenn ängstlich-negative Gedanken sich aufschaukeln und zu hemmenden Spiralen werden.

Ein Weg ist, die eigenen Ängste zu teilen — dem Team die eigenen Ängste offen zu legen. Auch das kostet Überwindung, aber dann ist es raus.

Die Kunst in der Offenbarung der eigenen Befürchtungen ist vielleicht, das Was, Wann und Wie zu dosieren — und sich sicher zu sein, dass man selbst es steuern kann.

Gefühle? Haben wir nicht.

Über die eigenen Gefühle zu sprechen mag im professionell-effizienten 'business context' verwegen sein — die Alternative es nicht zu tun ist fahrlässig: Was wir sehen und beobachten können, sind professionelle Stereotypen. Was wir nicht sehen, ist der Eisberg von Emotionen, deren Auftrieb die Glaubenssätze über dem Wasser hält. → IMG iceberg

Verdrängung ist, was uns über Wasser hält.

Helfen kann der einfach gesagte, schwerer umsetzbare Viersatz von Marshall Rosenberg:

  1. Beobachte Tatsachen ohne Bewertung.
  2. Benenne deine Emotionen angesichts der Beobachtungen.
  3. Formuliere deine Bedürfnisse und Werte, durch die deine Emotion entstand.
  4. Stelle eine Bitte um dein Bedürfnis zu bedienen.

Da steckt Verletzlichkeit drin und Verletzbarkeit. Was geschehen kann, lässt man sich ein auf wertschätzende Kommunikation als Framework für Kommunikation, ist Offenheit, Lernen und Verständnis in beide Richtungen: vom Trainer/Coach zum Team und wieder retour. Bilaterale Offenheit, gemeinsames Lernen und wechselseitiges Verständnis.

Führungskräfte in neuen Rollen? Kann klappen.

Das Gleiche gilt für Führungskräfte in ungewohnt neuen Projektrollen. Noch nie gemacht und keine Erfahrung. Neue Methoden einführen weil die alten nicht mehr funktionieren, zu langsam sind, zu widerständig. Nichts liegt näher, nichts ist menschlicher als zurück zu schnappen in erlerntes, sozialisiertes Verhalten. 'Briefen' und 'einzukippen', 'aufgleisen' und Arbeitsanweisungen als kaum maskierte 'Bitte' zu re-framen. Freiwillig vortreten, wem das noch nicht passiert ist. Sitzenbleiben, wem es unendlich peinlich war.

Dem/der Agile Coach sollte das nicht passieren müssen oder nicht mehr passieren.

Sich klar werden darüber, wovor einem graut, was Angst macht oder wenigstens unsicher. 'Den andere' geht es genau so. Es rückt nur niemand raus damit weil wir allesamt konditioniert sind im stark sein, im 'Wissen was man tut'. Ohne ein Alphatierchen-Gen wird man keine Führungskraft oder bleibt es nicht lange.

Am Ende sind wir alle Menschlein und nicht so sehr verschieden voneinander, wie Alter, Erfahrung, Titel und Zertifikate uns glauben machen wollen. Zwischen den Ohren rumort das gleiche Getriebe aus Angst und Anziehung.

Andere coachen, trainieren, führen, leiten ... wird einfacher, wenn es leicht geht. Leichter geht es, wenn man lernt, seine eigenen Gefühle und Beobachtungen zu kennen.

Das können gute Agile Coaches.

 


Referenzen:

  • Corey, G. 2016. Theory & Practice of Group Counseling. Ninth edition. Australia: Cengage Learning.
  • Kumaran et al. (2016). Brain scan study examines how we known our place in a social hierarchy. http://www.cell.com/neuron/fulltext/S0896-6273(16)30802-9. Zitat: »We are able to rapidly form a coherent understanding of a hierarchy through integrating the outcome of different interactions between people, filling in missing pieces.«
  • Skovholt, T. M., und L. Jennings. 2004. Master Therapists: Exploring Expertise in Therapy and Counseling. Boston: Pearson (Allyn & Bacon). ASIN B01JXORQ14
  • Rosenberg, Marshall B., Gandhi, A., Birkenbihl, V., Holler, I.. 2013. Gewaltfreie Kommunikation: eine Sprache des Lebens ; gestalten Sie Ihr Leben, Ihre Beziehungen und Ihre Welt in Übereinstimmung mit Ihren Werten. 11. Aufl. Reihe Kommunikation Gewaltfreie Kommunikation. Paderborn: Junfermann.