'New Work' — eine Auslotung


Stefan Knecht , Sun, 17.03.2019 - 17:00

Im letzten Beitrag am 10.3.19 'Was Tigidalisierung mit Asterix und Fischstäbchen zu tun hat: eine lose Serie über Patentrezepte' geschah die Ankündigung, ich würde mir Methoden wie New Work, WOL (working out loud), Beta-CodexOpenSpace BetaKomplexithodenVFOT und Intrinsify auf den Seziertisch legen.

Und weil wenig besser wird, je länger es liegt: hier der erste ernsthaftere Teil zu 'New Work' und was dahinter steckt — vielmehr: wo 'New Work' heute noch verbaut ist.

'New Work' als Gegenmodell zur industriellen Lohnarbeit

Der Begriff 'New Work' beschreibt das Zielbild einer Wissensgesellschaft im Kontrast zu den Umständen industrieller Erwerbsarbeit Ende der 1970er Jahre. 'New Work' ist ein Ansatz des in Österreich geborenen, dann in den USA und international wirkenden Sozialphilosophen Frithjof Bergmann.

Sein Vorschlag eines Gegenmodelles sollte über Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe ermöglichen, Freiräumen für Kreativität und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zu schaffen.

Teilhaben in drei gleichen Anteilen

Die 'Teilhabe' besteht aus drei Anteilen, in denen der Einzelne anteilig seine Zeit aufteilen solle:

  • konventionelle Erwerbsarbeitgainful employment
  • technisch unterstützte Selbstversorgungsmart consumption und 'High-Tech-Self-Providing' und
  • Arbeit die man wirklich will, ’work that you really, really want'.

Unter 'Freiheit' versteht Bergmann die individuelle und im Hegelschen Sinne verstandene Handlungsfreiheit, nicht die Entscheidungsfreiheit zwischen Alternativen.

Wirtschaftskrisen und Kapitalismuskritik

Das Konzept einer neuen Arbeit steht vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der US-Automobilkrise Ende der 70er Jahre, als hohe Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzabbau, der Kalte Krieg und auch ökologische und esoterische Bewegungen Aufmerksamkeit hatten.

In dieser Zeitströmung wurde klar: Massenproduktion reicht nicht mehr aus, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und grenzenloses Wachstum ist möglicherweise keine Lösung, sondern Teil des Problems.

Bergmann schloss, dass das mit weiterer Automatisierung von Arbeitsabläufen nach seiner Beobachtung auslaufende Modell der Lohnarbeit und damit der Wegfall der Vollbeschäftigung neue Chance böte und entwickelte das Alternativmodell der 'New Work', eine Art Gesellschaftsvertrag für eine neue Generation.

Geschichten und Anekdoten: es bleibt wenig Handfestes

Viel konkreter wird es leider nicht, weder in Bergmanns Schriften noch in aufgezeichneten Vorlesungen oder Vorträgen. Konkrete Anleitung, Methoden oder Metriken — was auch immer repliziert und implementiert werden könnte, gibt es nicht. Als Professor der Philosophie und in der Tradition von Hegel und Nietzsche wählt Bergmann das story telling, das anekdotische Erzählen als Form, gibt teils längliche sprachliche Bilder und Geschichten zur Illustration seiner Idee einer neuen Arbeit.

Ein t3n-Beitrag zuckte unlängst ebenso hilflos und konnte nichts entdecken, das von 'New Work' übrig blieb. Auch nicht bei General Motors, bei deren Werk in Flint, Bergmann mit Unterstützung von GM und Anfang der 80er Jahre Modellversuche mit sogenannten 'Zentren neuer Arbeit’ unterhielt — nach seiner ersten persönlichen Erfahrung in der Welt der Lohnarbeit am Band der Automobilfabrik. Der Ansatz dort war, an Stelle von Massenentlassungen, zeitlich begrenzte Modell- oder Auffanggesellschaften zu gründen, in denen von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeiter sich neu orientieren könnten.

'New Work' als Schlagwortgeber

Bei aller Unschärfe scheint Bergmann wenigstens einen Trend getroffen oder gar geboren zu haben: 'New Work' wird als Schlagwort weiter getragen. Die sozialutopischen Forderungen von Frithjof Bergmann werden auch nach mehr als 40 Jahren gerne zitiert. Allen voran beruft sich die 'Working out Loud’-Strömung mit ihren Vertretern auf Bergmann. Ohne in die Tiefen auszuloten — an denen es offensichtlich mangelt.

One Size Fits All

Oder wie Jan Weilbacher, nach dem Besuch der diesjährigen NWX19, New Work Experience, einer von XING organisierten Frontalveranstaltung in der Hamburger Elbphilharmonie zusammenfasste "New Work ist wie ein Kleid, das jedem passt, egal, wer es anzieht."

Bonmot: XING, die Kontakte- und Recruitingplattform firmierte sich im Februar 2019 um in 'New Work SE'.

Dann ist alles klar.

 

 

Was #wol ausmacht, behandeln wir in einem der nächsten Beiträge.

 

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